Håkan Nesser - btb Verlag

Badete Van Veeteren jemals im See von Kumla?

Ein Führer durch Håkan Nessers Romanwelt

Von Eugen G. Brahms18

»Es war grau, nass und windig, die Stadt hatte
ihre Grundstimmung wiedergefunden.«

(Der unglückliche Mörder)

Maardam heißt die Hauptstadt des Landes, das Håkan Nesser für sich und seine zehn Romane über Kommissar Van Veeteren und dessen Kollegen erfunden hat. Sich reimende Aas und Ees flankieren sein ausgeklügeltes Prosakunstwerk. Auf dieses namenlose, aber charakteristisch gezeichnete, betont fremdartige nordeuropäische Land2 stößt man immer wieder in Nessers Werken: in seinen Krimis, in seinen Erzählungen und in den Romanen aus der sogenannten »Inneren Landschaft«, dem frühen Liebesroman Koreografen (Der Choreograf),der lose zusammenhängenden Trilogie Barins Dreieck, der Kriminalerzählung Ormblomman från Samaria (Die Schlangenblume aus Samaria), dem philosophischen Thriller Flugan och evigheten (Die Fliege und die Ewigkeit) und dem Briefroman Kära Agnes! (Liebe Agnes). Es gibt bestimmte, immer wiederkehrende Orte wie die Stadt Gimsen (Das grobmaschige Netz, Die Fliege und die Ewigkeit, Liebe Agnes!) oder das Restaurant Vlissingen (Rein in Barins Dreieck, Die Fliege und die Ewigkeit, Der Tote vom Strand, Liebe Agnes!).

Besonders in der Van-Veeteren-Reihe1 sind die Landschaftsschilderungen geradezu übermächtig, nehmen über insgesamt 3.538 schwedische und 3.557 deutsche Seiten einen breiten Raum ein. Nesser hat Van Veeterens Heimatland nie einen Namen gegeben, betont jedoch, dass man dort eine Sprache spricht, die sich von den Sprachen in den nahe gelegenen Ländern Frankreich und Deutschland unterscheidet. Die weibliche Angestellte des Reisebüros im griechischen Hotel von Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, die auf den ersten Seiten in Erscheinung tritt, stammt offensichtlich aus einem nordischen Land und kann sich mit einem Landsmann von Van Veeteren verständigen, ohne Englisch benutzen zu müssen. Aber wie der ehemalige Kommissar und jetzige Antiquariar Van Veeteren bezüglich eines Buches, das ihn interessiert, feststellt: »Ich kann kein Schwedisch lesen, leider«. Die ins Auge fallenden, oft sprachmalerischen Namen der Personen und Orte in Van Veeterens Sprache erinnern an das Niederländische. Und da die Herausgabe des posthum erschienenen Romans von Germund Rein in der Erzählung Rein (Barins Dreieck) voraussetzt, dass diese in einer Übersetzung in eine unserer bekannteren europäischen Sprachen geschieht – genau wie Nessers Van-Veeteren-Romane alle übersetzt wurden – und in Reins Heimatstadt A. ein »Translator’s House« angesiedelt ist, befinden wir uns offensichtlich in einem Kulturland, das zum Sprachtausch anregt.

Rein ist bei weitem nicht der einzige Schriftsteller dieses Landes. Der Exilrusse M. Barin, der deutschsprachige W. Klimke und W.F. Mahler, auf die sich Van Veeteren gerne und stets mit den charakteristisch abgekürzten Vornamen bezieht und die oft als Mottigeber für die verschiedenen Van-Veeteren-Bücher dienen, gehören auch hierhin. Die sogenannte Klimkegruppe ist übrigens Thema einer akademischen Arbeit in Der Tote vom Strand.

Den äußeren Umständen von Van Veeterens Leben nach zu urteilen, könnte es sich um jedes beliebige kontinentale, nördlich gelegene Land handeln – ob nun Holland oder Polen. Die Währung heißt Gulden, auf eine Information über den genaueren Wert des Guldens muss man bis zum bisher letzten Buch warten, in dem behauptet wird, dass 1987 ein Dollar ungefähr dem Doppelten eines Gulden entsprach, das heißt 1 Gulden = 0,5 Dollar (Sein letzter Fall). Ein anderer Hinweis auf diese unbekannte Kultur könnte das von Van Veeterens Kollegen Münster benutzte »neue und noch nicht komplette vierundzwanzigbändige Lexikon« sein (Das grobmaschige Netz) – das Münster allerdings nur ein einziges Mal zu Rate zieht, und zwar um den in diesem Roman häufiger vorkommenden Begriff der »Determinante« nachzuschlagen, der dem schwedisch-polnischen Schriftsteller Leon Rappaport (1900 – 1986) zugeschrieben wird.

Die Sonne geht in Van Veeterens Heimatgefilden ganz offensichtlich im Westen unter (Der Kommissar und das Schweigen), es gibt ein Meer im Westen3 mit Tidenhub (Der Tote vom Strand) und Dünen entlang einer lang gestreckten Küste. Wie lang die Küste tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen, aber entlang ihrer sich dahin windenden Strände gibt es gut zehn mit Namen benannte Hafenstädte und Ferienorte. Vom Meer her zieht gewöhnlich ein regenschweres Tiefdruckgebiet heran, das dem Klima seinen Stempel aufdrückt. »Hat es in dieser Stadt denn jemals Ostwind gegeben?«, fragt sich Inspektorin Ewa Moreno, als sie sich bei Regen und Gegenwind durch Maardam nach Hause kämpft, nachdem sie einem Fahrradurlaub in den im Osten gelegenen Landesteilen verbracht hat. Meistens regnet es, und wenn es nicht Sommer ist, dann ist es in der Regel acht Grad warm. Acht Grad, das ist bei Nesser eine Art meteorologischer Urzustand, eine Art Vorhölle der Unveränderlichkeit, die auf das Wetter hinweist, bevor Gott verschiedene Wetterspiele erfand (Der unglückliche Mörder), ein langsames Erlöschen, die Vorahnung eines leisen kosmischen Hitzetodes. Es kommt schon vor, dass es schneit, aber nur selten bleibt der Schnee liegen: »Marktplatz, der zum ersten Mal seit undenklichen Zeiten schneebedeckt war« (Der unglückliche Mörder), und eine gewisse Erfahrung mit Eis auf den Seen hat man auch: »Als ob sich Eis auf einen Dezembersee legt« (Sein letzter Fall).

Bei Wind und Wetter ist ein vieldeutiger Begriff bei Nesser, der auch mit dem Ursprung aller Dinge und der Zeitrechnung zu tun hat. Man kann sich in den Maardamschen Gärten gut Regenmesser statt einer Sonnenuhr vorstellen. Bereits in seinem in Deutschland noch nicht erschienenen Debütroman Der Choreograf – also noch bevor das Nessersche Niederland so richtig entdeckt oder erfunden worden war – heißt es über den Niederschlag: »Von meinem Standpunkt aus könnte es genauso gut eine geographische wie eine meteorologische Erscheinung sein«. Während vereinzelter Sommer – wie in Der Kommissar und Der Kommissar und das Schweigen, dessen Handlung in dem im Landesinneren gelegenen Flüsse- und Seendistrikt nahe der Stadt Sorbinowo spielt, 210 Kilometer von Maardam entfernt – gibt es eine Hitzewelle, genau wie drei Jahre später in der Küsten- und Urlaubsgeschichte Der Tote vom Strand.

Schnell bewegt man sich per Auto auf den Autobahnen kreuz und quer durch das Land. Manchmal mit genauen Informationen über Entfernungen und Fahrtzeiten, manchmal fährt man aber auch einfach ins Blaue hinein. Grenzen und Grenzschilderungen fehlen ganz und gar. Der Tartaberg im Osten, die südlichen Provinzen und alles nördlich von Frigge verschwimmen langsam in die jeweilige Richtung. Die Westküste mit den Inseln ist auf jeden Fall das einzig Deutliche, Natürliche mit seinen kurvigen Grenzen. Die kleine Universitätsstadt Aarlach, die neben Maardam zu den am häufigsten genannten Orten gehört, bleibt für lange Zeit ein Ort, den alle durchfahren, aber in dem offenbar niemand etwas zu erledigen hat. Erst in Sein letzter Fall wird klar, dass sie nördlich von Maardam liegt, an der viel benutzten Strecke Maardam-Kaalbringen.

Van Veeterens Enkelkinder, mit denen er auf Schulfranzösisch telefonisch konversiert, wohnten ungefähr 1000 Kilometer südlich von Maardam (Das falsche Urteil) in der französischen Stadt Rouen (Der unglückliche Mörder)4. Viele Jugendliche sind in näher gelegene, bekanntere und geographisch festgelegte Orte gezogen, wie zum Beispiel nach München im Süden, um dort zu studieren (Die Frau mit dem Muttermal), oder nach Kopenhagen im Norden, um sich zu verstecken (Der Tote vom Strand). Obwohl das Land fest in Europa integriert zu sein scheint, fällt doch auf, dass über die EU kein Wort fällt, und die Guldenwährung scheint für alle Ewigkeit verankert zu sein. Auch wenn vieles dafür spricht, dass Holland als Modell gedient hat, so zeigt das Land genügend Binnenklima und deutsch-polnische Patina, dass man es nur schwer in eine herkömmliche Europakarte hineinquetschen könnte5. Dieses Europa en miniature müsste sich dann von Den Haag im Westen bis Lublin im Osten erstrecken. Und da die Konturen von Van Veeterens Heimatland nur selten deutlicher werden als beispielsweise in dem Moment, in dem der Hauptkommissar einen neuen Bürosessel bekommt, von dem es heißt, er »hatte immerhin weiche Armlehnen, einen geschwungenen Rücken und eine Nackenstütze und erinnerte vage an die Sitze in den Abteilen erster Klasse in der Bahn in irgendeinem Nachbarland, er wusste nicht mehr, in welchem« (Das falsche Urteil) ist es wohl trotz allem der für Van Veeteren immer aktuelle Shakespeare, der diese fiktiven Gebiete mit seinem Wintermärchen am besten eingefangen hat. Die Kinder am Badestrand in Der Tote vom Strand, die versuchen, sich bis nach China durchzugraben, und für das ein freigeschaufelter Fuß eher ein Hinweis dafür ist, auf dem rechten Weg zu sein, als der makabre Leichenfund, den er in Wirklichkeit darstellt, erinnert insofern auch an Nessers Leser auf der Suche nach ihrem Leseparadies6.

Maardam selbst, die Haupt- und Residenzstadt in Nessers Land, mit etwas, das an eine Landeskriminalzentrale für Gewaltverbrechen erinnert und das in einem mindestens fünf Stockwerke hohen Gebäude untergebracht ist (Das grobmaschige Netz), ist eine alte Stadt mit Kathedrale und Kirchen, einer Universität, die über fünfhundert Jahre alt ist, diversen zu Gymnasien umbenannten Lehranstalten, Tageszeitungsredaktionen (Telegraaf, Neuwe Blatt, Poost, die Allgemejne, die Gazett), mehreren Krankenhäusern (Gemejnte Hospitaal, Das Neue Rumfordskrankenhaus), einem Flugplatz (Sechshafen), einem Sportstadion (Richterstadion), Kinos (Rialtokino), Parks, Marktplätzen, Straßenbahnen (zumindest die Linie 12), Restaurants und Kneipen (laut Die Frau mit dem Muttermal ungefähr 400 Stück), Straßencafés (Der Tote vom Strand) – letzteres der einzige wirklich romanische Einschlag in diesem grundsoliden germanischen Milieu – außerdem einer alten Sternwarte, kranken Ulmen, neuen Trabantenstädten mit Hochhäusern, mit dem Einzelhaus- und Mietblockviertel Pampas (Münsters Fall), modischen Villenvororten wie Dikken und einem Puffviertel um Zwille herum sowie einem ungefähr fünf Kilometer langen Kanal.

Der Fluss Maar, der durch die Stadt fließt und anschließend im Westen zum Meer hin in der Tiefebene schlngelt (Das grobmaschige Netz) dient als Grundlage für das System der Kanäle, die die Stadt durchziehen. Das Kanalbuch par excellence in der Van-Veeteren-Reihe ist Münsters Fall; einer der vier Spielkumpane, um die sich die Handlung dreht, wohnt auf einem fest verankerten Hausboot. Derartige tiefliegende, rostende alte Kästen mit ihren unerfüllten Träumen von großen Reisen werden zu einem Sinnbild des Nesserschen Niederlandes, zum Inbegriff für diese Art kontinentaler europäischer Dichte, die mit Zeit, Raum und dem unendlichen Verfall zu tun hat.

Kaalbringen, eine etwas nördlich gelegene Küstenstadt mit 45 000 Einwohnern, ist ein wichtiger Platz – eine Hauptstadt auf seine eigene makabre Weise – und in vielem ein Pendant zu Maardam. Das vierte Opfer spielt in Kaalbringen, genau wie Sein letzter Fall. Das Doppelgängermotiv, das in Nessers Erzählungen aus der »Inneren Landschaft« (Barins Dreieck) durchgängig ist, findet sich also auf originelle Art und Weise auch in den Van-Veeteren-Büchern wieder. Eine Stadt und ihr Doppelgänger sozusagen. Das meiste, was es in Maardam gibt, findet man auch in Kaalbringen, wenn auch in kleinerer Ausführung: Kino (Palladium), Fluss, Krankenhaus, das Wohnviertel Pampas, den Supermarkt Merckx, ein Polizeigebäude, eine Zeitung (de Journaal), und da es sich hier um eine Küstenstadt handelt, gibt es hier außerdem alles, wovon die große Stadt in der Ebene nur träumen kann: Badestrände, Hafen, Piers.

Van Veeterens Adresse in Maardam lautet Klagenburg 4, eine Mietskaserne (Das grobmaschige Netz) in der Nähe der Keymerkirche in bequemer Gehweite zur Polizeiwache in der Wejmarstraat (Die Frau mit dem Muttermal). Ewa Moreno wohnt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Falkstraat (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod) und Reinhart und Winnifred Lynch in der Zuyderstraat 14. 1993 hatte Maardam ca. 300 000 Einwohner (Das grobmaschige Netz), was sechs Jahre später noch immer so ist (Der unglückliche Mörder, Die Frau mit dem Muttermal).

Die Romane spielen in der Regel im gleichen Jahr, in dem sie geschrieben und herausgegeben wurden. Eine erwähnenswerte politische Debatte gibt es in dieser typischen Wohlfahrtsdemokratie nicht, und mit Ausnahme des andauernden Jugoslawienkrieges (Der Tote vom Strand) werden auch keine internationalen Verbindungen angemerkt. In späteren Jahren hat man versucht, der Einwanderung einen Riegel vorzuschieben – deshalb »war es nicht mehr so leicht, Mieter für die Vorstadtghettos der siebziger Jahre zu finden«, wie es an einer jener seltenen gesellschaftskritischen Stellen mit leicht ironischem Unterton heißt (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod).

Van Veeteren und seine Kollegen zeigen gerne deutlich volksnahe Gefühle und Mittelschichtstugenden, sie sind selbstständigen Unternehmern gegenüber misstrauisch, sie mögen reiche Leute nicht, und über Kleinbürger heißt es sogar: »der diskrete Faschismus der Bourgeoisie« (Der unglückliche Mörder). Oder, wie in Das vierte Opfer: »Nun blasen Sie sich bloß nicht so auf, Herr Rechtsanwalt! Ich habe schon größere Bomben platzen lassen als diese ...«. Die Schilderung von Priestern, besonders katholischen, steht dem Priesterhass anderer, wie dem des Spaniers Buñuel, in nichts nach (siehe z.B. Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod); überhaupt reagieren diese Polizeibeamten auf alles Prätentiöse, Aufgeblasene und Idealistische ausgeprochen allergisch.

In Nessers Büchern finden sich also genügend Informationen für einen Landvermesser oder einen Kartographen – und Fakten genug für jede Art von Polizeiermittlung, Geschichtsschreibung oder literaturwissenschaftliche Untersuchung. Es ist, als würde man »in einem blöden Statistikinstitut« arbeiten, wie Kommissar Reinhart einmal bemerkt (Der unglückliche Mörder). Entweder häufen sich die Fakten derartig an, dass man zum Schluss im Material ertrinkt und einem nichts anderes übrig bleibt, als es in irgendein Archiv der Volkskunde zu schmeißen (Das vierte Opfer), oder aber man erreicht den »Borkmannschen Punkt«, an dem sich so viele Fakten angesammelt haben, dass die Quantität an sich eine qualitative Veränderung mit sich bringt, die für denjenigen, der nach etwas Bestimmtem sucht, brauchbare Tatsachen enthält (Der unglückliche Mörder) – die kritische Masse der Ermittlung, wenn man so will. Alle Namen, Richtungen und Entfernungen auf diesen 3 500 Seiten könnten also kategorisiert und in Rubriken geordnet werden, um einen Guide Michelin für das Nessersche Niederland zu erstellen – die Frage dabei ist nur, ob uns ein derartiges Handbuch Maardam auch nur einen Meter näher bringen könnte, ganz zu schweigen von dem sich entziehenden Restaurant Vlissingen mit seiner unbekannten Anzahl von Michelinsternen – ist es nicht eher so, dass sich das, was wir haben, viel eher dazu eignet, ein Verzeichnis von Van Veeterens CDs zu erstellen oder die Lesegewohnheiten der Maardamer Bevölkerung zu untersuchen oder aber ein Kursbuch anzulegen?

Streng genommen gibt es keine Grenzen dafür, wie man all die Daten in der Van-Veeteren-Reihe nutzen kann: Grob gesehen ist jedes beliebige enzyklopädische Projekt denkbar. Mit dem Stamberg-Teil eines Telefonbuches hätte man übrigens der Lösung des Mordfalls in Der Kommissar und das Schweigen vorgreifen können. Aber leider gibt es nur zwei Telefonnummern in den zehn Romanen: 213 32 35 in Sein letzter Fall, eine ziemlich belanglose, wie sich herausstellt, sowie 16 16 21 in dem Roman über Telefonterror, Die Frau mit dem Muttermal, dessen Besitzer in dem Moment, als es klingelt, zum Tode verurteilt ist. Nach der Landesvorwahl sucht man im Nesserschen Niederland übrigens vergebens. Man wird hier nicht von außerhalb angerufen.

»I understand that God is a Bachelor«
(Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod)

Van Veeteren entwickelt im Verlauf derRomandekalogie eine zusammenhängende Philosophie: einen Religionsersatzfür den Agnostiker VV, eine Art Leitlinie und Richtschnur fürden Moralisten VV, eine Beispielsammlung sowie ein Regelbuch fürden Detektiv VV. Van Veeterens Gedanken haben ihren Ursprung in der Berufswelt,aber sie entwickeln sich und nehmen mehr und mehr die Form einer persönlichenLebensanschauung an. Anfangs geht es um Muster und Zusammenhänge.Das Dasein ist voller Muster, oft verborgener, die nur der Aufmerksamewahrnimmt. Das Muster gibt dem Sinnlosen eine Ordnung, besonders wennman mithilft, es zu entdecken; darüber hinaus bietet es auch Trostund ästhetische Befriedigung. Bei der Polizei- und Ermittlungsarbeitgeht es in hohem Grade darum, diese Muster sowie Zusammenhänge –die später Motiv und Arbeitsverfahren genannt werden und die (Auf)Lösungdes Falles beinhalten – zu finden: »Immer gab es eine endloseMenge von winzig kleinen Zeichen, die in die eine oder andere Richtungwiesen … und mit den Jahren hatte er gelernt, diese Zeichen zu deuten.Natürlich erkannte er nicht jedes einzelne, aber das war ja auchegal. Wichtig war, dass er das Bild sah. Das Muster erkannte.« (Das grobmaschige Netz, siehe auch Das vierte Opfer, Das falsche Urteil undDer Tote vom Strand).

Es handelt sich um ein emsiges »Staubsaugen« (Das vierte Opfer)auf der Jagd nach Informationen, die sich in seltenen Fällen zu einerReihe von Zusammenhängen ordnet, einem Muster, das, wenn man es genaubetrachtet, zu einer Enthüllung führt – so als Van Veeterenin Das falsche Urteil am Tatort die Rollstuhlrampe entdeckt und mit ihrerHilfe eine Brücke zurück zur Romanhandlung schlägt, wodurchdie Identität des Mörders offenbar wird – und gleichzeitigzur Wurzel des Verbrechens führt, das in der Van-Veeteren-Dekalogieso gut wie immer mit Sexualität und den menschlichen Trieben zu tunhat, mit dem tierischen Ursprung des Menschen und den zerbröckelndenVerbindungen zwischen Hirn und Herz, Vernunft und Gefühl (Der unglückliche Mörder), mit den Rissen im zivilisatorischen Lack und dem Bösendarunter (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, siehe auch Das vierte Opfer) – sowie dem biologischen Ungleichgewicht zwischenMännern und Frauen, das oft den Grund bildet für die Verbrechen,die hier aufgeklärt werden: Sexualübergriffe, Inzest, Vergewaltigungund in ihrem Kielwasser Schuld und Rache: »Wenn nun die Männchen– davon ausgehend, dass sie nur ihren Instinkten und primitivenTrieben folgen – so programmiert sind, dass sie sich in gut zwanzigSekunden befriedigen können ... ja, dann ist wohl kaum davon auszugehen,dass wir Frauen an dem Ganzen irgendein Vergnügen haben sollen. Oder?(...) du musst doch zugeben, dass diese ... na ja, Tempodifferenz ...ziemlich viel unnötiges Leiden verursacht« (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod) oder wie Ewa Moreno es an einer anderen Stelleformuliert, »aber sie konnte doch diejenigen verstehen, die diemännliche Sexualität als Beitrag des Teufels zu der Schöpfungansahen7. Aber so war es nun einmal.« (Der Tote vom Strand).Wahrscheinlich gibt es deshalb so viele rachelüsterne Frauen in diesenBüchern. (Die Frau mit dem Muttermal und Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod.)

Van Veeterens Philosophie ist existentialistisch inspiriert; vom Ekelgefühl gegenüber der nicht zu vermittelnden Wirklichkeit bis hin zur Vision eines Musters – Sinn, Ursache und Motiv – gehört alles zur menschlichen Essenz (Münsters Fall) und ist damit gekoppelt an Verantwortung und Freiheit. Wie bei Sartre erfordert es Selbsteinsicht und Wachsamkeit, um nicht dem Selbstbetrug zu verfallen, ein Gefühl der Aufrichtigkeit, das Van Veeteren gerne mit den Worten »Wir sollten unsere Beweggründe nie verwässern« umschreibt (Der unglückliche Mörder, Sein letzter Fall) und das so zwingend erscheinen kann, dass VV sich nicht scheut, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, wenn es notwendig ist. Ohne Gewissensbisse agiert er beispielsweise sowohl als Ankläger wie auch als Richter und Henker in Das falsche Urteil und Der unglückliche Mörder. Das betrifft nicht zuletzt VVs »Doppelgänger« in Kaalbringen, den Kommissar Bausen in Das vierte Opfer.

Aber auch wenn der Existentialismus in der Van-Veeteren-Reihe eine so herausragende Rolle spielt, so gibt es daneben einiges, was an religiösen Fatalismus inklusive Erbsünde und das Böse an sich erinnert. Da wird von dem »unterirdischen Regisseur« (Der unglückliche Mörder) gesprochen oder, wie in Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, von dem ironischen Gott, der etwa in Der Tote vom Strand seine Spielchen mit den Menschen spielt, eine Schachpartie mit lebenden Figuren. »Was für eine Schicksalstragödie!«, konstatiert Van Veeteren (Das grobmaschige Netz). Zu Nessers Drama gehört in diesem Fall, dass die Personen – oder Marionetten –, die dazu prädestiniert sind, ihre Schicksalstragödien auszuagieren, mit »Mutter- oder Vätermalen«, wirklichen und symbolischen, stigmatisiert sind, und auch wenn diese erworben wurden und einen sozialen Ursprung haben, verschwinden sie nicht einfach per se. (Siehe beispielsweise Der Tote vom Strand).

Van Veeterens mürrische Beredsamkeit und kompromisslose Wahrheitsliebe machen ihn zu einer Autorität unter den Polizeibeamten und zu einer Richtschnur für Freunde, in erster Linie sind dabei Münster und Moreno zu nennen, deren »eigene« Fälle als eine Art Zusammenfassung dessen anzusehen sind, was VV sie gelehrt hat – sie finden zu ihren eigenen Variationen von VVs Philosophie. So gesehen ist Der unglückliche Mörder »Reinharts Fall«. Für sie alle wird die Problematik des mittleren Alters – Berufsleben, Familie, Kinder und Liebe – zum Stein des Anstoßes und unmittelbaren Grund für philosophische und existentielle Grüblereien: Anpassung oder Veränderung, das ist hier die Frage. Van Veeteren selbst bricht seine Karriere nach dem fünften Buch ab. Müde und angewidert von dem, was ihm bei der Arbeit begegnet, zieht er sich zurück in ein Antiquariat. »In the natural order of things, fathers do not bury their sons« heißt es in einem der treffendsten Motti der Reihe – dieses Mal von dem höchst realen Paul Auster. Väter sollten auch keine Ermittlungen hinsichtlich irgendwelcher Unfälle anstellen müssen und erst recht nicht den Mörder ihres Kindes fangen und bestrafen müssen, könnte man hinzufügen; so lassen sich nämlich in Kurzform Van Veeterens Prüfungen zusammenfassen (Der unglückliche Mörder).

Der anscheinend glücklich verheiratete Münster, der sich trotzdem zunächst in seine Kollegin Beate Moerk (Das vierte Opfer) und dann in Ewa Moreno (Münsters Fall) verliebt, wird Van Veeterens Nachfolger und bekommt schließlich seine Ehe wieder in den Griff. Reinhart heiratet Winnifred Lynch, und Ewa Moreno, von der es lange Zeit so aussieht, als hätte sie sich dazu entschlossen, eine vergrämte alleinstehende Hexe zu werden, wie sie selbst es nennt, gibt schließlich unter dem Eindruck all der Verzweiflung, die aus der Einsamkeit folgt, die sie bei ihrer Arbeit erleben muss, den ständigen Anträgen ihres zauberhaften Nachbarn, des Kochkünstlers Mikael Bau, nach (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod). Baus Part bei Ewa Moreno übernimmt bei Morenos Doppelgängerin in Kaalbringen, Beate Moerk, der Künstler Franek Lapter (Sein letzter Fall). Auf der Liste der Übriggebliebenen steht zum Schluss nur noch Rooth mit seiner umso größeren Lebensniederlage: »Zweiundvierzig Jahre alt. Nicht verheiratet, nicht verlobt. Kriminalinspektor mit der Perspektive, in drei, vier Jahren zum Kommissar aufzusteigen. (...) Ein paar Hundert Gulden mehr im Monat. Was sollte er damit? Sich ein größeres Aquarium kaufen?« (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod).

Eine wichtige Rolle in Van Veeterens Gedankenwelt um Muster, Gesetzmäßigkeit, Ursache und Wirkung, Ordnung, Chaos, Zufall und Schicksal spielt die so genannte Determinante – wer oder was liegt hinter dem Muster, wer oder was bildet seinen Ursprung? Der Ursprung der mysteriösen Determinante offenbart sich am Ende, als Van Veeteren Leon Rappaports beide Bücher. Die Determinante in seinem Antiquariat findet (eines in polnischer Sprache von 1962 und eines in schwedischer, mit dem Untertitel »Eva« von 1978, Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod), wobei das Letztere mit dem Bild einer Frau, dem melodramatischsten Motiv von allen, geschmückt ist, cherchez la femme.

In gewisser Weise handelt Nessers Schreiben immer von der Suche nach der Frau. Am deutlichsten ist dies in seinem Debütroman Der Choreograf, aber auch in Die Frau mit dem Muttermal und ironischerweise in Sein letzter Fall. Auf jeden Fall fängt der Begriff cherchez la femme die Junggesellenproblematik in diesen Büchern in drei Worten ein.

Wenn man ein Muster entdeckt, stellt man sich gerne vor, dass jemand es geschaffen hat. Im Kriminalroman sucht man nach dem Verbrecher hinter dem Geschehen, was mit Motiv, Methode und Zufall zu tun hat. Im Liebesroman findet der Liebhaber seine Geliebte in einem rosaroten Gewirr von Intrigen, und in dem Roman, der dem Leben gleicht, werden Entdeckungen dieser Art als religiös oder künstlerisch bezeichnet; die Determinante kommt einem religiösen Erlebnis so nah, wie es in der Welt des Gottesleugners Van Veeteren nur sein kann. Die wenigen Male, die Van Veeteren versucht, diesem Schöpfer auf die Spur zu kommen, entwickelt sich jedoch daraus immer eine künstlerische Beziehung, als ginge es um die Handlung in einem Buch oder die Intrige in einem Film: »Ein Roman, ein Theaterstück oder ein Film, Münster, sind nichts anderes als ausgestopftes Leben. Eingefangenes und ausgestopftes Leben, das ausgedacht worden ist, damit wir es leicht und auf einfache Weise betrachten können (…) Wenn nun Geschichten und rote Fäden nötig sind, um dieses ausgestopfte Leben, dieses Künstliche, am Zerfall zu hindern, dann gilt das natürlich auch für die echte Ware, für das wirkliche Leben.« (Das grobmaschige Netz) Als ginge es also sozusagen um den schöpferischen Dichtergott oder mit einem Wort, das Nesser gern benutzt, »den Choreographen« (siehe in erster Linie den Roman Der Choreograf, siehe aber auch Das vierte Opfer).

In diesem Fall können Kunsterlebnisse das Handwerkzeug eines Detektivs oder Philosophen auf der Jagd nach Mustern schärfen: Das Kunsterlebnis fördert die Empfindsamkeit und den Spürsinn (Das grobmaschige Netz, Das falsche Urteil, Der Tote vom Strand). Vor allem aber ist es die klassische Musik, die Van Veeteren als Hilfskraft dient. Eine unzählige Menge an Stücken von Mahler, Bruckner, Vivaldi, Faurés, Debussy, Gossec, Elgar, Schnittke, Sibelius, Grieg, Penderecki, Pergolesi, Monteverdi, Bartok, Händel, Preisner, Pärt und anderen Komponisten haben sich im Laufe der Romanreihe auf dem CD-Player daheim in der Wohnung in der Klagenburg 4 gedreht oder sind aus den Stereolautsprechern der hervorragenden Musikanlage des heruntergekommenen Opel geströmt. Nichts beflügelt nämlich die Gedankenarbeit so sehr wie eine Fahrt mit hoher Geschwindigkeit auf den Autobahnen des Niemandslandes mit Musik in den Ohren. Oder Literaturstudien. Der ABC-Mord von Agatha Christie gibt der Detektivarbeit in Das vierte Opfer (S. 117) Anstöße. Ein Film wie Tarkowskijs Nostalghia (Die Frau mit dem Muttermal) beleuchtet das Böse in der Welt, und allein der Titel des Films der Brüder Taviani, Chaos, (Der Kommissar und das Schweigen), fungiert als eine Art Leitmotiv in der Dekalogie insgesamt. In Der unglückliche Mörder ist es eine Partie Zufallsschach, die den notorischen Schachspieler Van Veeteren erkennen lässt, dass der Fall, in den sich die Polizei verbissen hat, aus einer ganz neuen Perspektive gesehen werden muss und dass der Mörder vermutlich die Identität seines Opfers gestohlen und sich in ihr versteckt hat. In dem Buch mit dem rebusartigen Titel Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod ist die ästhetische Seite des Durchblicks durch ein Muster so weit veredelt, dass der Mörder, der sich als Literaturprofessor entpuppt, literarische Spuren auslegt, u.a. mithilfe Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Der belesene Van Veeteren durchschaut die anagrammatische Signatur des Mörders, Amos Brugger = A Moosbrugger = ein Moosbrugger, d.h. des Lustmörders in Musils Roman. Auf den letzten Seiten ist es für VV an der Zeit zusammenzufassen: »Van Veeteren legte seine rechte Hand auf den Bücherstapel, der auf dem Tisch lag. ‚Eine Art Kanon’, sagte er. ‚Über diesen Fall. Ich konnte nicht widerstehen, ich musste sie mir aus den Regalen holen. Vielleicht gibt es eine Art roten Faden.’ Er überreichte den ganzen Schwung dem Kommissar: William Blake. Robert Musil. Den kleinen makabren Krimi von Henry Moll. Rilkes Duineser Elegien. Münster nahm sie entgegen und nickte etwas verblüfft. Eine Art roter Faden?, dachte er.«

Aber es gibt auch simple, banale und berufsbedingte Muster, beispielsweise wenn der statistikfixierte Inspektor Kropke in Kaalbringen auf der Landkarte in seinem Arbeitszimmer triviale Beobachtungen mit verschiedenfarbigen Stecknadeln anstellt (Das vierte Opfer), wie es auch die reinsten Sackgassen gibt, Zeitungsenten, wie sie genannt werden (Münsters Fall). Für einen kritisch veranlagten, misstrauischen Kommissar gibt es jeden nur erdenklichen Grund, sich vor allzu eindeutigen Mustern und allzu naiven Vorstellungen über den Grund für ein Verbrechen oder überhaupt den Sinn des Lebens zu hüten; vielleicht steuert die Welt ja gar nicht auf eine größere Ordnung und Begrifflichkeit zu, in manchen Momenten sieht sich VV eher dem alles vernichtenden Hitzetod gegenüber (vgl. Das falsche Urteil, und vielleicht ist ja die heftigste Bewegung überhaupt nichts anderes als der zufällige Flügelschlag eines Schmetterlings, der sich laut moderner Chaostheorie auf der anderen Seite der Erde zu einem Orkan entwickeln kann (Der unglückliche Mörder, vgl. auch Die Fliege und die Ewigkeit). Die nüchterne, resignierte, einfache Zusammenfassung der Lage wird von polizeilicher Seite her oft in dem Ausdruck »So ist es nun einmal« oder »So war es nun einmal« auf den Punkt gebracht – Sätze, die wohl zu den am häufigsten verwendeten Floskeln in Nessers Werk gehören. Ein Realitätsprinzip, das fast immer mit dem leicht misstrauischen, in Verhörsituationen skeptisch klingenden »tatsächlich?« einhergeht.

Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Mord immer durchdacht und motiviert ist. Vielleicht ist er auch nur das Ergebnis unglücklicher Umstände. Carambole (= Karambolage, deutscher Titel: Der unglückliche Mörder), dessen Titel vom Billardspiel stammt, illustriert diesen Zweifel an der Ordnung und einem Muster im Leben und verweist auf die Rolle des Zufalls, wenn die Billardkugeln auf verschiedenen, unvorhersehbaren, niemals genau zu wiederholenden Bahnen aufeinander stoßen. Vielleicht ist die Welt ja eine Grauzone zwischen dem Erwarteten und dem Unerwarteten (Der Tote vom Strand), wie der moderne Mathematiker der »Unvorhersehbarkeit« mit seinen sonderbaren Fraktalen zu veranschaulichen versucht, mit ihren gleichzeitig diffusen und schönen Konturen. »Es gibt auch noch einen Zufall, der seine Finger im Spiel hat, nicht nur dieses verdammte Muster überall«, ist Van Veeteren gezwungen in Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod zu sagen. Insofern beschreibt die Dekalogie eine allmähliche Entwicklung von Van Veeterens ursprünglicher handlungsorientierter, existentialistischer Lebensauffassung (perfekt für einen Polizeibeamten und Kriminalkommissar) hin zu einer moderneren, komplexeren, chaosinspirierten Philosophie, die immer mehr der zögerlichen Herangehensweise eines Künstlers oder Dichters ähnelt (perfekt zu entwickeln, versunken im Lesesessel in Krantzes Antiquariat in Kupinskis Gasse). Bereits in Das falsche Urteil trägt er sich mit diesen Gedanken: »Verdammt sauberes Puzzlespiel (...) Beängstigend sauber vielleicht sogar?« (vgl. Der Tote vom Strand) Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum er den berühmten Fall G. nie »löst«8.

Es kommt auch vor, dass der Leser (im trauten Verein mit dem Autor, wie anzunehmen ist) Situationen durchschaut, die die Polizei sich niemals erklären kann, wie beispielsweise bei der Frau in Die Frau mit dem Muttermal, die sich als Polizeibeamtin verkleidet hat. Der Autor zeichnet sich insgesamt durch die Vieldeutigkeit gegenüber seiner Personage und seinen Lesern aus, »winkt« sogar mit der Lösung selbst: »Er dachte an seinen Keller und dessen kostbaren Inhalt« (Das vierte Opfer). Während der nichts Böses ahnende Leser glaubt, es handle sich bei Kommissar Bausens Phantasien um seine Pension und seinen Weinkeller, verbergen sich in Wahrheit die Überlegungen eines Mörders dahinter – der rätselt, was er mit einer gefangen genommenen und eingesperrten Polizeikollegin machen soll, die ihm auf die Spur gekommen ist. Der gleiche Mörder, über den ein halbblinder, verlässlicher Zeuge bereits in zweideutigen, scheinbar unschuldigen Worten gesagt hat: »Ich habe ihn genauso deutlich gesehen, wie ich jetzt den Kommissar vor mir sehe.« Was unter anderem dazu führt, dass sich Nessers Bücher bei nochmaligem Lesen verändern, wodurch die schöpferische Rolle des Lesers unterstrichen wird.

Ein Muster erstreckt sich immer über die zugeschnittenen Grenzen hinaus, die Kriminalromane weisen über den Horizont der Polizei und den Rahmen des Genres hinaus, sie wachsen aus ihren Einbänden heraus und verwickeln sich immer mehr ineinander, wodurch auch das Blickfeld der Leser erweitert wird. In Der unglückliche Mörder beispielsweise registriert der Leser, dass Van Veeteren und der für ihn noch unbekannte erpresste Mörder sich des Nachts im gleichen Park befinden. Van Veeteren, um seiner Schlaflosigkeit zu begegnen, der Mörder, um seinen Erpresser zu treffen. »Die Natur öffnet nachts ihre Sinne«, denkt VV, »die Natur verschließt nachts ihre Sinne«, denkt der Mörder, jeder gemäß seiner eigenen Lage. Zwei unterschiedliche Ansätze, die Welt zu sehen, die gleichzeitig zwei diametral entgegengesetzt denkende Menschen charakterisieren, während die einzige Übereinstimmung zwischen ihnen, die Tatsache, dass sie einander begegnen, Teil eines Musters ist, das sich immer weiter verdichtet, je weiter die zehnbändige Reihe ihrer Vollendung entgegengeht, nämlich der Nietzsche’schen Einsicht, dass der Jäger seiner Beute immer ähnlicher wird, dass derjenige, der gegen Drachen kämpft, selbst dem Drachen ähnlich wird. Es sind nicht nur Polizeibeamte, die der Versuchung erliegen, »So ist es nun einmal«, zu sagen, in ebenso großem Ausmaß tun das auch die von ihren Trieben gesteuerten und biologisch determinierten Mörder (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod): Es geht um unangenehme Wahrheiten, die teilweise wie eine sich lang hinziehende Identifikation zwischen u.a. Van Veeteren und den Verbrechern in Szene gesetzt werden: »‚Stell dir vor’, sagte Van Veeteren, ‚du bist dreizehn, vierzehn. Frühe Pubertät … empfindlich und hautlos wie eine offene Wunde. Auf dem Weg zum Mann … die ersten unsicheren Schritte. Wer wäre dein erstes Identifikationsobjekt?’ – ‚Der Vater’, sagte Münster. Er hat das selbst erlebt, dachte er.« (Das grobmaschige Netz und Das vierte Opfer). Im Hinblick darauf, dass hier zu Beginn der Serie das Inzesttabu Ausgangspunkt für Van Veeterens Überlegungen ist, scheinen Münsters stumme Spekulationen hinsichtlich VVs Erfahrungen in dessen Kindheit die folgende Geschichte von Van Veeteren zu verminen und den Eindruck von Van Veeterens Unschuld und Aufrichtigkeit zu untergraben. Sowohl was die Rolle VVs als Sohn in Beziehung zu seinem Vater angeht als auch die Rolle des Vaters in Beziehung zu seinem eigenen Sohn (u.a. in Der unglückliche Mörder). »Ich verteidige Verbrechen nicht, aber wenn wir ihr Wesen … die Beweggründe des Verbrechers … nicht verstehen können, ja, dann kommen wir bei der Polizei nicht weit. Es gibt eine schwarze Logik, die oft leichter zu entdecken ist als die Logik unseres normalen Verhaltens. Das Chaos ist bekanntlich Gottes Nachbar, aber in der Hölle herrschen zumeist Gesetz und Ordnung … (Der unglückliche Mörder, vgl. auch Sein letzter Fall).

Ein Jogger im roten Trainingsanzug bewegt sich durch Nessers Bücher, schon in seinem Debütroman ist ein Läufer auf dem Sprung (Koreografen, Das grobmaschige Netz, Das vierte Opfer, Barins Dreieck, Münsters Fall, Der unglückliche Mörder, Der Tote vom Strand, Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, Sein letzter Fall, ganz zu schweigen von Das falsche Urteil, dem Läuferbuch in der VV-Serie). Auch der Jogger ist Teil des Romanmusters, obwohl es zunächst nicht so erscheint. Ein roter Faden in dem Textgewebe, der, wie das Material bei einer Ermittlung, als nicht brauchbar erscheint, bis, laut Borkmanns Gesetz, es mit einem Schlag das gesamte Bild verändert. Die Rolle des Joggers in den Van-Veeteren-Büchern und Nessers Texten überhaupt dient der Entdeckung des Lesers, ist so zusagen der Bonus des aufmerksamen Lesers, und das Spiegelbild, wie man hinzufügen kann. Nur der Leser kann sich ebenso frei wie der Jogger zwischen den verschiedenen Büchern bewegen und sich dazu entscheiden, mal hier, mal da aufzutauchen, dabei sogar noch freier als der freieste »Privatschnüffler«, wie der vorzeitig pensionierte VV sich selbst gern nennt, wenn die Pflicht trotz allem ruft (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod). Es ist der lesende Jogger oder der joggende Leser, der weiß, dass man jederzeit im Vlissingen vorbeischauen und sich dort ein Glas genehmigen kann, ganz gleich, ob es sich nun um Maardam handelt (Der Tote vom Strand), um A. (Rein in Barins Dreieck), um Weigan (Marr in Barins Dreieck) oder um Grothenburg (Die Fliege und die Ewigkeit und Liebe Agnes!). Der joggende Leser nimmt die Abkürzung direkt von Das grobmaschige Netz zu Die Fliege und die Ewigkeit durch das großflächige Wohnviertel Pampas, das sich aus dieser Perspektive heraus zwischenDas grobmaschige Netz, Das vierte Opfer, Marr, Ormblomman från Samaria, Münsters Fall und Die Fliege und die Ewigkeit bis ins Unendliche erstreckt. Der lesende Jogger bewegt sich wie der Läufer eines Schachspiels diagonal auf zentrale Punkte in verschiedenen Städten zu – über das Motorstadion, den alten Wasserturm und Gahns Fabrik (Das falsche Urteil, Die Fliege und die Ewigkeit). Der lesende Jogger wundert sich nicht darüber, den Roman Der Teufelspakt von Van Veeterens Lieblingsautor W. Klimke im deutschen Original von 1954 in Kumla wiederzufinden (Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla) ebenso wenig wie über die Tatsache, dass die Sekte »Das wahre Leben« aus Der Kommissar und das Schweigen wieder in Kumla auftaucht. Der joggende Leser spinnt ein Netz von Verknüpfungen zwischen allen Büchern von Nesser.

Nesser hat viel Sorgfalt auf diesen diskreten Zug gelegt. Er hat ihn sogar mit einem literarischen Hinweis vergoldet, nämlich mit Alan Sillitoes The Loneliness of the Long- Distance Runner (Die Einsamkeit des Langstreckenläufers) – eine Geschichte, die Beate Moerk explizit nicht gelesen hat, es aber dennoch aufgrund des Titels lieb gewinnt (Das vierte Opfer). Was wäre Sillitoes Buchtitel auch anderes als die perfekte Metapher für den ausdauernden Leser von gut fünftausend Seiten Romantext?

»Skandinavische Eröffnung?, fragte Van Veeteren.
Warum nicht?«
(Sein letzter Fall)

Auch wenn Schweden in diesem Zusammenhang weit entfernt zu sein scheint und es nur äußerst selten erwähnt wird – und wenn, dann auf eine distanzierte, ironische Weise, etwa wenn Van Veeteren von gegorenen Strömlingen sagt: »Ich habe mal gehört, dass man in einigen Ländern verrotteten Fisch isst, ich glaube in Schweden, wenn ich mich nicht irre.« (Das vierte Opfer) –, so ist Schweden dennoch immer so nahe, dass bei einem außergewöhnlich großen Polizeieinsatz (wiederholte Male) auf den »Ministerpräsidentenmord« verwiesen wird (Der unglückliche Mörder, siehe auch Sein letzter Fall). Und wenn der Schurke in Der Tote vom Strand sagt, »man sollte sich seiner Neigungen nicht schämen, das hat mein Mütterchen immer gesagt ...«, muss ein jeder, der mit Astrid Lindgren aufgewachsen ist, an den frechen Feuerschlucker Alfredo aus Rasmus, Pontus und der Feuerschlucker denken, der die Angewohnheit hatte, alles, was er sagt, mit der Floskel abzuschließen: »Das hat mein Mütterchen immer gesagt«. In gleicher Weise weist der Auftakt in Der unglückliche Mörder ausdrücklich auf ein bestimmtes Stück schwedischer Literaturgeschichte hin, nämlich auf Stig Dagermans Verkehrssicherheitsnovelle Att döda ett barn (Ein Kind töten) von 1948 – »Der Junge, der bald sterben sollte« (Der unglückliche Mörder) bei Nesser ist eine Parallele zu Dagermans unheilverkündender Einleitung: »An diesem Tag sollte ein Kind getötet werden.«

Leon Rappaports bereits erwähntes Buch Die Determinante ist bei weitem nicht der einzige schwedische Text in dem Van Veeterenschen »Antiquariat«. In VVs »Lesezirkel« findet sich alles von Strindberg – »Die Menschen können einem Leid tun« (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod) bis zur zeitgenössischen schwedischen »Krimikönigin à la Diza Murkland«. Besonders in Das falsche Urteil spielen schwedische Verhältnisse eine diskrete, aber entscheidende Rolle. Der Fall mit dem ermordeten, aus falschen Gründen wiederholte Male verurteilten »Doppelmörder« Leopold Verhaven ist ausdrücklich inspiriert von einem Stück schwedischer Rechtsgeschichte: dem trotz seines Leugnens zweimal, 1941 und 1961, verurteilten Olle Möller. Nesser, der in Kumla aufgewachsen ist, war neun Jahre alt, als der bereits einmal wegen Mordes verurteilte Olle Möller wegen Mordes an Rut Lind aus Fjugesta in der Nähe von Kumla angeklagt wurde. Er hat beschrieben, wie er 1959 als Schuljunge die Aktionen rund um die Verhaftung von Möller sowie die danach folgende Gerichtsverhandlung und das Urteil erlebte. In Maardamscher Version klingt das so: »Ich weiß das noch verdammt gut«, sagte Rooth. »Ich war zehn oder elf ... 1962, meine ich. Las jeden Tag darüber in der Zeitung, in den Monaten, in denen so viel davon die Rede war. Oder in dem Monat. Wir sprachen in der Schule darüber, im Unterricht und in den Pausen, ja, das ist eine der klarsten Erinnerungen aus meiner ganzen Kindheit.« (Das falsche Urteil)

Ebenso wie Möller – ein landesweit bekannter Langläufer, Mitglied der Nationalmannschaft und schwedischer Meister, bevor er wegen des Mordes an dem zehnjährigen Gerd Johansson 1941 verurteilt wurde – hat Verhaven eine Vergangenheit als erfolgreicher Mittelstreckenläufer und ist landesweit bekannt. Aber man assoziiert als Schwede nicht nur Olle Möller, wenn man Das falsche Urteil liest. Verhaven hat zudem in der Sportwelt einen Skandal verursacht und ist wegen Doping und Bestechung angeklagt worden. In diesem Zusammenhang erinnert Verhaven an einen anderen bekannten Schweden, an den 1500-Meter-Läufer Dan Waern (der in der Rolle des obligatorischen Joggers in Kim Novak badete nie im See von Genezareth vorbeiläuft), der wegen Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen auf Lebenszeit gesperrt wurde. Es scheint, als würde Nesser zwei Nachkriegsikonen zweifach kopieren, Olle Möller und Dan Waern: Möller + Waern = Verhaven.

Einige Formulierungen in Das falsche Urteil, die mit dem schummelnden Läufer Verhaven und seiner kurzen Zeit der Berühmtheit zu tun haben, erinnern außerdem an Per Olov Enquists klassische Beschreibung eines schummelnden Sportlers in dem Siebziger-Jahre-Roman Seconden (Der Sekundant). »Plötzlich sah er Leopold Verhaven vor sich. Verhaven als jungen Mann – den erfolgreichen Läufer ... rasch, stark und vital, auf dem Weg in die Rekordbücher ... mitten in den naiven, optimistischen fünfziger Jahren. Dem Jahrzehnt des Kalten Krieges, aber auch in vielfacher Hinsicht dem der Unschuld. Oder stimmte das nicht?«, und weiter, in Zeitungsausschnitten, die Van Veeteren liest: »Doch da hat er uns also getäuscht, und wie gerne lassen wir uns auf diese Weise täuschen!«. Hier hat Nesser also ein Dokument erstellen lassen, den Auszug aus einer Maardamer Zeitung aus den Fünfzigern – oder genauer gesagt hat Nesser einem erfundenen Journalisten Worte in den Mund gelegt, die gleichzeitig seinem eigenen fiktiven Maardam-Universum eine retroaktive »Authentizität« erschaffen und bis auf den Punkt mit der Art übereinstimmen, wie PO Enquist in seinem quasidokumentarischen Der Sekundant arbeitet und sich ausdrückt. Und zugleich ist das eine elegante Zusammenfassung eines zentralen Themas9 in Enquists frühem Schaffen, der Vorstellung, dass ein Kunstwerk ein Betrug ist, und ein Betrug ein Kunstwerk. Weiter, etwas später im Zeitablauf, ist im Neuwe Blatt vom 30. April 1962 zu lesen: »Die Öffentlichkeit und ihr fest gefügtes Gerechtigkeitsbewusstsein fordern ein Ergebnis«, eine Variation von Enquists »große Wettkämpfe fordern große Resultate« (Der Sekundant). Wenn man davon ausgeht, dass Nesser Enquist im Geiste zitiert, findet man ein Zitat nach dem anderen. Und wenn man diesem Phänomen wie ein Detektiv auf den Grund geht und untersucht, was über Enquist geschrieben wurde, wird man herausfinden, dass ein gewisser Håkan Nesser 1973 am Literaturwissenschaftlichen Institut in Uppsala einen Aufsatz über PO Enquists Der Sekundant geschrieben hat10.

Der trotz seines Leugnens zweimal verurteilte Sexualverbrecher Verhaven in Das falsche Urteil wird von Van Veeteren reingewaschen. VV, der noch krank geschrieben ist nach einer Magenkrebsoperation, folgt den Ermittlungen vom Krankenbett aus. Er liest sich in alles ein. Mit Hilfe von Zeitungsberichten und Abschriften alter Verhöre vertieft er sich in Verhavens Geschichte, in die er bereits einmal als junger Polizeibeamter Einsicht gehabt hat. Das erinnert explizit an Josephine Teys klassischen Krimi von 1959, Alibi für einen König, in dem Richard III. Ziel der bibliophilen Privatdetektivmühen eines krankgeschriebenen Scotland-Yard-Inspektors wird, ein Buch, das VV auf seinem Krankenbett in den Sinn kommt, obwohl er nicht genau weiß, wie es eigentlich heißt.

Es gibt ziemlich viele Spiegel hier. Van Veeteren spiegelt sich in Teys Kommissar Grant von Scotland Yard, der Richard III. vom Verdacht reinwäscht. Nesser spiegelt sich in Josephine Tey und fügt der Variation von Der Sekundant eine Variation von Alibi für einen König hinzu. Und da befinden wir uns bereits mitten in einem Spiegelsaal voll mit Olle Möllers Doppelgängern, alle mit einem stummen »Ich bin unschuldig« auf den Lippen.

Die Beschreibung, wie Leopold Verhaven das Gefängnis verlässt und an den Ort zurückkehrt, an dem er wiederholte Male unschuldig des Mordes angeklagt wurde, entwickelt sich zu einer spannenden Intrige unter den Menschen in einem kleinen Ort, Kaustin genannt, nicht weit von Maardam entfernt. Auf einer anderen Ebene führt Verhavens Weg nach Hause von dem Gefängnis »Das große Graue« an der Einkaufsstraße entlang, vorbei am alten Wasserturm und Gahns Möbelfabrik, wie es in Das falsche Urteil beschrieben ist, direkt in Nessers Kindheitsmilieu in Kumla11, so dass man es als selbstgeografisches, zu Kim Novak badete nie im See von Genezareth und Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla anverwandtes Buch lesen kann: Im Gefängnis »Das große Graue« außerhalb von K. arbeitet nämlich der Vater des jungen Erzählers in Kim Novak badete nie im See von Genezareth als Wachtmeister, und um den alten Wasserturm am Kumlaer See flaniert Mauritz Målnberg in Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla gern mit seiner Freundin, während seine Mutter Schicht bei Gahns arbeitet. Die in den Buchtiteln aufblitzenden Seen von Genezareth und Kumla existieren letztendlich nicht nur auf der Landkarte, auf der sich die beiden Kumlabücher sowie Ormblomman från Samaria abspielen – letzteres hat mit Kim Novak badete nie im See von Genezareth und Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla gemeinsam, dass es in K. spielt, in einer Gegend mit vielen Höfen mit biblischen Namen sowie einem See mit braunem Wasser. Nessers Kumla blitzt auch hier und da in seinen Werken auf. Warum sonst gibt es sofort Gahns Möbelfabrik, sobald von einer Ankunft oder einer Einfahrt die Rede ist (Das falsche Urteil, Münsters Fall, Die Fliege und die Ewigkeit, Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla)? Die »Kaufmannsstraße«, die Verhaven von seinem Dachfenster aus sehen kann, als er daheim ankommt, ist nicht irgendeine beliebige Einkaufsstraße. Es gibt diese Kaufmannsstraße wirklich. Sie verläuft parallel zu den Eisenbahngleisen, die von Hallsberg ins zentrale Kumla reichen. Hier hat Nesser diskret die autobiographische Nabelschnur geknüpft, die das Nessersche Niederland mit Kumla verbindet. Im Herzen des fiktiven Niederlandes findet sich Kumla wieder, wie gleichermaßen Kumla in seinem Herzen etwas Fiktives, nämlich den künstlichen, im Park angelegten Kumlasee verbirgt. Badete Van Veeteren jemals im See von Kumla?

Mit zwanzig zog der Bauernsohn12 Håkan Nesser von Kumla und Nflachland nach Uppsala, studierte dort Literaturwissenschaft und absolvierte eine Lehrerausbildung. Fünfzehn Jahre lang unterrichtete er anschließend Schwedisch und Englisch an der Tunabergs-Schule in Uppsala. Und dies findet sich in seinem Werk wieder: Die vielen Vogelperspektiven auf Maardam und Umgebung – »Er hatte das Gefühl, in einem warmen Glaskasten frei über der Welt zu schweben. Man hatte alles im Blick und war doch vollkommen isoliert.« (Das grobmaschige Netz) haben ebenso wie die häufigen Hinweise auf Filme sicher etwas mit dem früheren Wohnsitz des Autors in Uppsala zu tun, wo er die VV-Bücher schrieb, »das Skandalhaus« in der St. Olofsgatan 10, 5. Stock, mit einem phantastischen Blick vom Balkon der Nesserschen Wohnung aus ganz oben und dem kleinen Qualitätskino Fyris ganz unten im Erdgeschoss. Da steht an einer Stelle in Sein letzter Fall über einige von Kieslowskis Filmen: Van Veeteren merkte, »wie ihm die Bilder dieses düsteren Wohnviertels in Warschau immer noch nachhingen«. Das hat sicher nicht nur eine geographische Relevanz für die Geschehnisse im Fall G., sondern daneben auch eine biographische im Falle von Nesser. Es ist die Frage, ob nicht alle in den Van-Veeteren-Büchern erwähnten Filme im Fyris in Uppsala gelaufen sind: Hitchcocks Die Vögel, Formans Einer flog übers Kuckucksnest, Tarkowskijs Nostalghia und Chaos der Brüder Taviani, Alexander Askoldows Die Kommissarin – das liebevoll beschriebene Filmstudio in Der Kommissar und das Schweigen ist wohl auch ein Portrait des legendären Uppsalakinos.

Auffallend oft schreibt der ehemalige Studienrat Nesser über die Schule. Im ersten Van-Veeteren-Buch Das grobmaschige Netz sind Mordopfer und Verdächtiger ein Lehrerpaar, das gemeinsam am Bunge-Gymnasium in Maardam arbeitet, was zu Gehässigkeiten im Lehrerzimmer führt und von Van Veeteren wie folgt kommentiert wird: »Verdammt, offenbar sind die Lehrer immer noch solche Kotzbrocken wie damals, als wir noch zur Schule gegangen sind.« Das Portrait des Rektors des Bunge-Gymnasiums steht den Portraits der Priester in der VV-Reihe in nichts nach. Die Lehrer Rickard Maasleitner und Enso Faringer in Die Frau mit dem Muttermal und Arnold Maager in Der Tote vom Strand sind auch nicht gerade eine Zierde für ihre Zunft. Die Sozialpädagogin in Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, der es gelingt, eine Schülerin zu vergessen, kann wohl auch kaum als vorbildhaft gelten. In der Frage, ob der Serienmörder in Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, ein Literaturhistoriker, zu diesen Zerrbildern aus dem Unterrichtswesen dazu gezählt werden sollte, möchte ich mich nicht festlegen, aber wenn wir seinen beruflichen Tätigkeiten folgen, gewinnen wir tiefe Einblicke ins Innere der Universitätswelt. Auch wenn die Universität von Maardam eine lange Geschichte und im Bereich der Forschung einen guten Ruf hat, so besitzt sie doch, genau wie andere Universitäten in Der Choreograf, Marr (Barins Dreieck) und Die Fliege und die Ewigkeit, deutliche Ähnlichkeiten mit der Universität von Uppsala. So wie der Vogelschwarm um den Turm der Domkirche in den Nesserschen Universitätsstädten einem Möbiusband gleich die Innen- und Außenseite wechselt, so wechseln auch Wirklichkeit und Fiktion ihren Platz. Uppsala und Maardam13 rutschen von innen nach außen und wieder zurück.

Mit der Zeit ist das Schreiben und die Vollendung der Van-Veeteren-Reihe selbst Teil des Themas der Bücher geworden. Nicht allein die Leser haben mit Spannung auf den versprochenen abschließenden zehnten Roman über den Fall G., Van Veeterens letzten Fall gewartet. Im Laufe der Dekalogie wird Van Veeteren immer häufiger mit seinen Plänen konfrontiert, die eigenen Memoiren zu schreiben (Das grobmaschige Netz, Der Kommissar und das Schweigen, Der Tote vom Strand, Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, Sein letzter Fall). Und es wäre kein Roman von Håkan Nesser, wenn nicht auch VVs Buchprojekt einen Doppelgänger hätte, ich denke dabei an Rooth, der über seine eigenen Memoiren witzelt (Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod). Die Van-Veeteren-Romane schimmern auch in Nessers anderen Romanen auf, so macht sich beispielsweise der Icherzähler Henry Maartens in Ormblomman från Samaria daran, einen Krimi zu lesen und zu begutachten, den sein alter Klassenkamerad schreibt. Was wir über das Manuskript erfahren, verweist uns auf den noch nicht erschienenen Roman Der Tote vom Strand, die Kinder darin sind beispielsweise dabei, mit ihren Spielzeugschaufeln am Strand eine Leiche auszugraben, obwohl das Manuskript merkwürdigerweise den Arbeitstitel Die Fliege und die Ewigkeit trägt – auch das zu jenem Zeitpunkt noch nicht erschienen. Als »eine alte, hässliche Geschichte mit inzestuösen Vorzeichen« charakterisiert Henry Maartens das Manuskript seines Freundes und liefert gleichzeitig eine kurze, aber treffende Beschreibung von Håkan Nessers mörderischen Romanen. Genau wie die mathematischen Fraktale lässt sich die (Roman)Gesamtheit in eine unendliche Anzahl sich wiederholender Details aufspalten, jedes einzelne ein kleines Modell des Gesamten14.

So oft hat Van Veeteren den Fall G. in seinen Romanen zur Sprache gebracht, dass dieser in Sein letzter Fall folgerichtig als »Fortsetzungsroman G« bezeichnet wird. Gleichzeitig verschmelzen die Fortschreibung der Van-Veeteren-Bände mit VVs eigenem Schreiben, in dem es nicht nur um den Fall G., sondern auch um VVs eigenes Leben geht: um seine Kindheit auf einem Bauernhof in Penderdixte (Die Frau mit dem Muttermal), seinem strengen Vater, Gs verheerendem Einfluss auf ihn während der Schulzeit und seinen gescheiterten Universitätsstudien, kurz gesagt, seinen »Muttermalen« (vgl. Sein letzter Fall). Es geht auch um seine Ehe mit Renate, um die beiden Kinder Jess und Erich und um die Scheidung. VV spekuliert selbst, wie es hätte auch laufen können, wenn er »alternative Lebenswege« eingeschlagen und seine Jugendliebe Christa Koogel geheiratet hätte und mit ihr und den vier Kindern in einem Haus am Meer wohnen würde (Sein letzter Fall).

Wir sollten leben, als wären wir in einem Buch, sagt die Hauptperson Van Veeteren listigerweise bereits im ersten Buch. Die VV-Bücher laden zu so einem Bibliotheksleben ein. In Die Fliege und die Ewigkeit hat die Hauptperson, der Gefängnisinsasse Maertens, das Lesen und Schreiben in die Kunst des Überlebens verwandelt. Von einem alten Mitgefangenen hat er die Kunst gelernt, einen Roman zu lesen und zu memorieren, und später, wenn er ihn vergessen, »ihn ins Unterbewusstsein geschoben hat«, ihn so umzuschreiben, von Anfang bis zum Ende, als wäre er selbst sein Schöpfer. Welch treffende Beschreibung davon, wie das Lesen und Schreiben abläuft.

Appendix:

Wer tötete Berra Albertsson?

Die Frage bleibt offen, wer Berra Albertsson in Kim Novak badete nie im See von Genezareth ermordet hat. Entweder beichtet Edmund auf seinem Sterbebett, dass er es war, oder aber er gibt zu, dass er weiß, dass es Erik war. War es nicht der eine, dann war es der andere, wenn wir Erik, dem Erzähler, Glauben schenken wollen. Erik weiß es also, aber er verrät es nicht. Er sagt nicht einmal, was es zu bedeuten hat, dass er am Ende die Mordwaffe ausgräbt. Entweder hat Edmund ihm gesagt, wo er den Vorschlaghammer nach vollbrachter Tat vergraben hat, oder aber er hat gesehen, wie Erik sie vergraben hat, und Erik findet die Zeit nun reif, sie woanders zu verstecken. Wie man es auch dreht und wendet, man kommt zu keiner klaren Lösung. Schließlich hatten beide Jungs ein Motiv und auch die Gelegenheit.

Nesser behauptet, er habe einen entscheidenden Hinweis im Text versteckt. Dabei kann es sich kaum um den Vorschlaghammer handeln. Ist es möglich, dass es etwas damit zu tun hat, dass Erik in diesem phantastischen Hochsommer Alibi von Agatha Christie gelesen hat, »eine ungewöhnlich gute Geschichte«? Dabei handelt es sich ja um einen klassischen Detektivroman, und zwar um einen, bei dem sich zum ersten Mal in der Geschichte der Detektivromane der Icherzähler als schuldig herausstellt. Als wollte Nesser auf die Möglichkeit hinweisen, dass der Leser Erik nicht zwingend vertrauen sollte, und der (Ich)Erzähler seinerseits zugibt, dass ihm als Erzähler nicht zu trauen ist. Der Franzose Pierre Bayard hat ein faszinierendes Buch darüber geschrieben15, in dem er demonstriert, wie ein Buch mit einem nicht vertrauenswürdigen Icherzähler zur Illustration des klassischen philosophischen Paradoxum des Lügners wird. Wenn ein Erzähler, genau wie Erik in Kim Novak badete nie im See von Genezareth zugibt, dass er einen Teil verschweigt, behauptet er in gewisser Weise damit: »Ich lüge«, d.h. er stellt eine Behauptung auf, von der man nie sicher sagen kann, ob sie nun stimmt oder nicht. Der Schlüssel zu dem Rätsel, wer Berra Albertsson ermordet hat, kann also nicht in etwas zu finden sein, was Erik gerade heraus sagt. Aber man kann, genau wie Bayard in seinem Buch, wie ein Detektiv oder ein Psychoanalytiker versuchen, das Rätsel zu lösen, ohne einen einzigen, den Erzähler des Buches eingeschlossen, vom Verdacht auszunehmen. Und dann stellt sich die Tatsache, dass Erik Alibi liest, als äußerst gravierend dar16.

Und wenn Erik nun doch unschuldig ist? Wenn dem so sein sollte, dann bietet Kim Novak badete nie im See von Genezareth die Möglichkeit, Edmund zu verdächtigen – entweder, weil er schuldig ist, und das müsste Erik ja wissen, oder weil Erik jemand anderen schützen will – Kim Novak, d.h. Ewa Kaludis, Berra Albertssons Verlobte, vielleicht. Oder Eriks Bruder, Henry Wassman, vielleicht. Die Lösung des Rätsels, Nessers versteckter Hinweis, liegt in dem Fall sicher verborgen in Henrys Roman Koagulierte Liebe, den er in diesem Sommer schreibt. Es wird später behauptet, er sei bei Norstedts im September 1964 erschienen. Nach der einzigen Manuskriptseite zu urteilen, in die wir Einblick bekommen, scheint die Koagulierte Liebe genau das Verbrechen vorauszusehen, das später eintritt. In dem veröffentlichen Buch dagegen hat Eriks Bruder diese kompromittierende Seite entfernt und durch eine andere ersetzt. Höchstwahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass er sich als Erstes an die Schreibmaschine setzt, nachdem die Leiche von Berra Albertsson entdeckt worden ist. Aber andererseits, warum erwähnt Erik diese Dinge über seinen Bruder überhaupt?

Genau genommen wird die Geschichte vom Mord an Berra Albertsson in drei verschiedenen Versionen berichtet. Zum einen in Form von Eriks Erinnerungen als Erwachsener, um »eine Art von Ordnung hineinzubekommen«. Aber daneben auch, sozusagen in Eriks Roman hineingeschmuggelt, als Erzählung in der Erzählung, in Form von Henrys Roman Koagulierte Liebe und Eriks Comicserie über Oberst Darkin und das geheimnisvolle Erbe. »Ich musste unbedingt über eine Frau wie Ewa Kaludis schreiben und zeichnen«. Aus dieser Perspektive heraus enthält die Fortsetzung von Kim Novak badete nie im See von Genezareth, nämlich Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla, eine vierte Variante. Der Erzähler Mauritz Målnberg fragt sich darin explizit, ob es sich in dem aktuellen Fall, dem Mord an seinem Nachbarn Kalevi Kekkonen, nicht um den gleichen Mörder handeln könnte wie bei dem nicht aufgeklärten Berra-Albertsson-Fall, auch wenn er diesen Gedanken sofort wieder verwirft. Dann müsste es sich also um den Vater handeln, von dem wir ja am Schluss von Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla wissen, dass er der Mörder ist. Vielleicht schützt Erik in Kim Novak badete nie im See von Genezareth seinen Vater, als er den Verdacht so deutlich auf Edmund richtet! Vielleicht ist Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla die wahre Schilderung dessen, was in K. in den 60er Jahren geschah, als Kim Novak nie im See von Genezareth badete. Das würde auf jeden Fall das auffällig Konstruierte in dieser Intrige und ihrer Auflösung erklären, das im Roman selbst in dem unwahrscheinlichen Schachzug »e2 – e4 schachmatt!« zusammengefasst wird. Selbst Ormblomman från Samaria ist mit dem mordenden Vater ein verdeckter Kumla-Roman, mit dem sich spiegelnden, braunen See und allem.

Auf jeden Fall liegt in Kumla ein Hund begraben, und das ist vielleicht der Grund für die auffallende und beunruhigende Negation in zwei Titeln der Kumla-Bücher – und damit die Lösung des Ganzen: So ist es in Kumla nicht zugegangen.

Auf jeden Fall ist jemand gestorben. Etwas ist zu Ende gegangen. Und der Autor hat die Gelegenheit genutzt, die verlorene Jugend und seine verlorenen Illusionen in einer Geschichte rund um einen Mord zu beschreiben. In Ormblomman från Samaria ist es ein Frühlingsopfer, in Kim Novak badete nie im See von Genezareth sind es die Gefühle des Jungen, mit daran Schuld zu sein, dass der Hochsommer zu Ende ging, und in Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla eine Variation der verbotenen Geschwisterliebe. Verbrechen, die man im Laufe der Zeit von sich schiebt: »Die Zeit ist ein Dieb« heißt es einleitend in Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla: »Sie stiehlt unser Leben. Frisst unsere Tage, wie man behaupten könnte, und verschlingt unsere Nächte. Stunde für Stunde, Minute für Minute.«

Es ist ein Geniestreich, den Mord an der Kindheit als ungelöst zu beschreiben. Das lockt den Detektiv in uns allen hervor. Auf der Suche nach der Zeit, die verflossen ist, und verwandelt mit der Zeit die Zeit in eine Brücke (vgl. die letzten Worte in Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla).

 

Fußnoten und Anmerkungen

1 Van Veeteren:
Wie Van Veeteren ausgesprochen wird, das weiß der Teufel – auf Schwedisch »Fan vet«, das denkt Van Veeteren am Ende von Sein letzter Fall, – aber abgekürzt wird er auf dieselbe Art wie der Name des kleinen deutschen Autos VW. [zurück]

2 fremdartiges ... Land:
als ein »stilisiertes friesisches Milieu« ist es treffend von Dag Hedman in Den Svenska Litteraturen (Band 3. S. 587) beschrieben worden. [zurück]

3 Westmeer:
Dass tatsächlich auf Seite 250 in Der Tote vom Strand »Atlantik« steht, ist sicher ein Lapsus. In Sein letzter Fall heißt es außerdem aus englischer Perspektive über Kaalbringen: »auf der anderen Seite des Kanals«. [zurück]

4 Rouen:
oder Borges (sic!) in Das grobmaschige Netz; Hauptsache aber ist, dass sich die Enkelkinder auf der anderen Seite einer Grenze befinden, und zwar weit genug entfernt. [zurück]

5 Van Veeterens Heimatland auf der europäischen Karte:
Vielleicht kann der Süßwasserfischbestand als geographische Leitlinie dienen? Laut Angaben gibt es im
Soimensee Barsch und Hecht, ab und zu auch Saibling und Renke (Das grobmaschige Netz). [zurück]

6 Leseparadies:
In dem hübschen Nesserschen Text »Julen på väg« (Bald ist Weihnachten), erschienen in der Göteborgs-Posten Heiligabend 1995, geschrieben von Håkan Nesser und Henning Mankell (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: »Eine unwahrscheinliche Begegnung«, in: Annamari Arrakoski (Hg.): Weihnachtsgeschichten aus Skandinavien, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 117–125, übersetzt von Gabriele Haefs), wird Maardam und Umgebung im Norden von Kassel in der Mitte Deutschlands angesiedelt. Dort gibt es ein Restaurant, in dem Wallander einkehrt, hier »atmete (er) ein Europa ein, das es kaum noch gab«. Zwischen Hirschgeweihen und Wappenschilden feiern Van Veeteren und Wallander zum Entzücken der Leser ein jämmerliches Weihnachten zusammen. [zurück]

7 die männliche Sexualität:
Dahingehend ist Sara Danius’ Rezension von Der Tote vom Strand in Dagens Nyheter 4/4 2000 ungerecht, wenn sie von »Billigfeminismus« spricht! Warum Ewa Moreno ihre Jojobaschaum-Orgie im Badezimmer nicht gönnen (vgl. Der Tote am Strand), wenn das wichtigste Attribut männlicher Helden des modernistischen Kanons laut Danius die Seife ist – Dagens Nyheter 8/1 und 9/1 2003. Möglicherweise könnte eine Fortführung von Roland Barthes »Psychoanalyse des Seifenpulvers« mit dem unausgesprochenen Gedanken, dass der luxuriöse Seifenschaum die Konsumentin zu luftigen Phantasien inspiriert, während die Seife gleichzeitig eine »Polizeiaufgabe« zu erfüllen hat, Nessers Absichten hier erklären (siehe Barthes, Mythen des Alltags). [zurück]

8 der berühmte Fall G.:
Wenn es der Zufall gewollt hätte, dass Van Veeteren ins Kino gegangen wäre und Hitchcocks Vertigo (Aus dem Reich der Toten) oder eine von Brian de Palmas unzähligen Variationen auf Vertigo oder David Lynchs Lost Highway oder Mulholland Drive gesehen hätte, dann hätte er wahrscheinlich den Fall G. »gelöst« (siehe Sein letzter Fall). Das äußerst raffiniert kombinierte Verkleidungs- und Doppelgängermotiv in Vertigo hat eine fraktalähnliche Kette an Imitationen nach sich gezogen, in die auch Nesser sich einreiht. [zurück]

9 ein zentrales Thema:
Mehr darüber ist nachzulesen bei Magnus Bergh: »Konstverket som bedrägeri« (Das Kunstwerk als Betrug), C-uppsats, Litteraturvetenskapliga institutionen in Uppsala, 1974. [zurück]

10 Aufsatz über PO Enquist:
Håkan Nesser: »Berättarjaget i Per Olov Enquists Sekonden« (Das Erzähler-Ich in Per Olov Enquists Der Sekundant), C-uppsats, Litteraturvetenskapliga institutionen in Uppsala, 1973. Besonders das Vater-Sohn-Motiv bei Enquist weckt Nessers Interesse, wie auch die Frage, ob der Autor in seinem Werk sichtbar werden sollte oder nicht. [zurück]

11 direkt in Nessers Kindheitsmilieu:
Sicherheitshalber sollen hier die Orientierungspunkte in der Beschreibung der Zufahrt nach K in Die Fliege und die Ewigkeit noch einmal wiederholt werden: »Gahns Möbelfabrik, der Wasserturm, das Motorstadion«. Siehe auch die diagonalen Züge des Läufers: zum Beispiel: Le2-f3.

Zur Veranschaulichung: modifizierte Karte aus dem Telefonbuch/Örebrodelen 1960.
[zurück]

12 Betrachtet man die selbstbiographischen Seiten von Nessers Werk, so findet man noch eine Telefonnummer, nämlich die des Autors in seiner Kindheit: 019-706 82, siehe: Telefonbuch/Örebrodelen 1960: Nesser, Sven Aug. Lantbr. Nyhemsg. 30. Pa Kumla – heute Fridas gränd (f8); siehe außerdem: Hemmets Journal, Mitt liv i bilder (Mein Leben in Bildern), Nr. 17, 2002. [zurück]

13 Uppsala und Maardam:
Wenn es in dem Kumla-Roman Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla heißt, »die Dohlen flogen krächzend um den Wasserturm«, ahnt man ein Kumla hinter allem. Der alte Wasserturm aus roten Ziegeln am Kumlasee (h4) bekommt durch die Vermittlung der Vögel auf typisch Nessersche Art und Weise seinen natürlichen Doppelgänger, seine Verdoppelung in dem ständig von Dohlen umschwärmten roten Ziegelturm des Doms von Uppsala.
Außerdem stellt sich die Frage, ob nicht Gahns Möbelfabrik, die ich vergebens in Kumla zu lokalisieren versucht habe, dafür nicht einem Stück Uppsala entspricht – Gahns seit langem bereits geschlossener, klassischer Seifenfabrik in Uppsala, die Nesser »seinem« Kumla aufgepfropft hat? Eine Art Rochade mit Uppsala- und Kumla-Spielfiguren, damit der Autor sein eigenes Spiel spielen kann, seine eigene Landschaft einrichten. [zurück]

14 Modell des Gesamten:
allein die Titel auf VVs Filmliste beschreiben schon ein Nessersches Roman-Universium en miniature: Die Vögel, Nostalghia, Dekalogie, Chaos und Die Kommissarin.
Ein anderes, hier zu Tage tretendes Muster ist das Schachspiel. Es befindet sich ein kompletter Satz an Schachfiguren in Nessers Romanen verborgen: eine Anzahl an Bauern (VVs Vater und HNs Vater), der neue und der alte Wasserturm in Kumla (der neue Wasserturm [g8] siehe in Und in Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla, S. 19), die Pferde, die in M. Barins Gedicht träumend unter einem Baum stehen (Barins Dreieck, Motto; Marr in Barins Dreieck, S. 410 und Die Fliege und die Ewigkeit, S. 317), Läufer (der joggende Leser), die Krimikönigin Diza Murkland und schließlich King Lear, das die Theatergruppe in Liebe Agnes! aufführen soll (S. 97). [zurück]

15 Pierre Bayard:
Es muss hinzugefügt werden, dass Bayards Buch - Qui a tué Roger Ackroyd? (Wer tötete Roger Ackroyd?)- im gleichen Jahr publiziert wurde, in dem auch Kim Novak badete nie im See von Genezareth (1998) erschien – dass Håkan Nesser das Buch also nicht gelesen haben kann, als er seinen Roman schrieb. [zurück]

16 Alibi:
Das Buch von Agatha Christie ist bei weitem nicht der einzige Kriminalroman, der bei Nesser vorkommt. In Das falsche Urteil spielt wie gesagt Josephine Teys eine wichtige, wenn auch diskrete Rolle, als ein Hinweis darauf, womit Van Veeteren beschäftigt ist und was für eine Art von Buch Das falsche Urteil ist. Die gleiche unterschwellige Rolle spielt Patricia Highsmiths Zwei Fremde im Zug in Liebe Agnes!, Agatha Christies Der ABC-Mord in Das vierte Opfer, E.A. Poes Der Mord in der Rue Morgue und Olle Möllers Jag är oskyldig! (Ich bin unschuldig!) in Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla. Man kann sie jeweils sowohl als Inspirationsquelle und eine Art Wahlverwandtschaft sowohl für den Autor Nesser als auch für die Personen in den Büchern ansehen, zugleich ein Stück Kriminalliteraturgeschichte und geschickt angelegter Hinweis für den Leser. Wenn Van Veeteren zum Schluss seinen Stapel an Büchern in Verbindung mit dem Fall des lustmordenden Literaturhistorikers in Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod auf den Tisch legt – Blake, Musil, Moll und Rilke – und sich fragt, ob es darin nicht einen Hinweis gibt, weist Blake tatsächlich auf einen Zusammenhang zu Thomas Harris’ musterbildenden Büchern über den genialen Kannibalen und Lustmörder Hannibal Lecter hin, Roter Drache und Das Schweigen der Lämmer. Hier handelt es sich um den für die Aufklärung eines Serienmordes – und für Nessers Kriminalbeamte – wichtigen Zug der Identifikation, die Allmachtsphantasien, die Mörder und Opfer, Jäger und Beute sowie auch der allwissende Autor und der neugierige Leser miteinander teilen. [zurück]

18Eugen G. Brahms kam 1950 nach Schweden. Nach Studien u.a. der Mathematik und der Literaturgeschichte an der Universität von Uppsala und der Hochschule von Örebro war er tätig als Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger. Wohnhaft in Uppsala und schließlich auch in Stockholm. Aus seiner Bibliographie können einige Titel hervorgehoben werden, die besondere Relevanz für etwaige Nesserstudien haben. [zurück]

© Eugen G. Brahms 2003
© der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by
Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt